Wenn es darum geht, Städten ein unverwechselbares Gesicht zu geben, ist Licht ein vielseitiges Instrument. Als Licht zum Sehen sorgt es für Sicherheit und Orientierung. Als Licht zum Hinsehen akzentuiert es attraktive Gebäude und strukturiert den öffentlichen Raum. Als Licht zum Ansehen übernimmt es eine aktive Rolle und wird – beispielsweise in Form von Lichtinszenierungen – selbst zur Attraktion. Es ist also nicht verwunderlich, dass immer mehr Städte die Chance ergreifen, ihr Erscheinungsbild durch eine systematisch geplante Nachtarchitektur zu gestalten.
Weltweit haben sich Städte, die Licht als zentrales Element ihres öffentlichen Auftritts verstehen, zur LUCI Association (Lighting Urban Community International) zusammengeschlossen. In Deutschland gehören u. a. Hamburg, Leipzig und Lüdenscheid diesem Verband an. Darüber hinaus gibt es gerade in Nordrhein-Westfalen eine Vielzahl von Orten, die durch temporäre oder dauerhafte Lichtinstallationen Akzente in ihrem Stadtbild setzen. Mit ihrer Positionierung als „Stadt des Lichts“ ist die Kreisstadt im märkischen Sauerland aber dennoch einzigartig. Kaum eine andere Stadt hat Licht derartig konsequent zum „Markenkern“ ihrer Positionierung gemacht. Hintergrund dieser Strategie ist der traditionell hohe Stellenwert von Lichttechnik und Leuchtenproduktion am Wirtschaftsstandort Lüdenscheid. Leuchtenhersteller von internationaler Bedeutung sind hier beheimatet, hinzu kommen das Deutsche Institut für angewandte Lichttechnik (DIAL) und das Deutsche Lichtmuseum in der Phänomenta.
Für die Leuchtenhersteller in Lüdenscheid war es schon vor Jahrzehnten selbstverständlich, ihre Gebäude werbewirksam durch Licht zu inszenieren. 1999 wurde dann erkannt, dass das Thema Licht über diese vereinzelten Mosaiksteine hinaus eine Plattform für die Positionierung der gesamten Stadt sein kann. Im Arbeitskreis „Lüdenscheid – Stadt des Lichts!“ fanden sich die Stadtverwaltung, die Südwestfälischen Industrie- und Handelskammer zu Hagen, die Stadtwerke und die Sparkasse, zwei Unternehmen der Leuchtenbranche, ein bedeutender Immobilienmakler und das DIAL zusammen, um eine gesamtstädtische Lichtplanung auf den Weg zu bringen. Das DIAL entwickelte ein erstes Lichtkonzept für die Innenstadt, welches die damalige Beleuchtungssituation analysierte, grundsätzliche Anforderungen an die öffentliche Beleuchtung formulierte und Strategien für die einzelnen Stadträume entwickelte. Im Jahr 2000 wurde die „Stadt des Lichts“ zum offiziellen Leitbild der Stadt Lüdenscheid. Mit einem jährlichen Etat von 125.000 € und weiteren, von Sponsoren zur Verfügung gestellten Mitteln wurden Pilotprojekte wie die Beleuchtung des Alten Rathauses realisiert. Einen weiteren Impuls erhielt das Projekt im Jahr 2001 durch die Landesförderung im Rahmen des Programms „Ab in die Mitte! Die City-Offensive NRW”.
Lüdenscheid zur „Stadt des Lichts“ werden zu lassen ist ein anspruchsvolles Projekt, das mehr erfordert als zeitlich oder räumlich isolierte Einzelaktivitäten. Die Markenpositionierung der Stadt stützt sich daher auf ein breit angelegtes Dreisäulen-Konzept, das organisatorisch über eine eigene Stabsstelle in der Stadtverwaltung koordiniert wird:
LichtRäume schafft dauerhafte Lichtinstallationen im Stadtbild. So wird beispielsweise für einladende Eingangsbereiche zur Innenstadt gesorgt, historische Fassaden werden akzentuiert. Arbeiten renommierter Lichtplaner wie Belzner Holmes, Stefan Hofmann und Uwe Knappscheider addieren sich Schritt für Schritt zu einem Gesamtbild, das die gesamte Stadt in ihrer Nachtarchitektur prägt.
LichtRouten ist ein in mehrjährigem Abstand stattfindendes Festival des Lichts. Als Internationales Forum für Licht in Kunst und Design sind die LichtRouten die Plattform für eine Vielzahl von Aktivitäten. Künstler, Stadtplaner, Architekten, Lichtplaner und Lichtindustrie kommen ebenso wie viele Bürger und ihre Gäste. Die LichtRouten sorgen dafür, dass Licht regelmäßig Stadtgespräch ist und auf diese Weise nachhaltig im Bewusstsein der Bevölkerung verankert wird.
LichtQuartier schließt die Lücke zwischen den permanenten Installationen der LichtRäume und den temporären Aktionen der LichtRouten. Im Rhythmus der LichtRouten wird ein international anerkannter Künstler eingeladen, eine ortsbezogene Arbeit in der Stadt zu realisieren, die dann Teil des Stadtbildes wird. Licht-basierte Kunst in allen ihren Erscheinungsformen erhält durch diese langfristigen „Wechselausstellungen“ einen festen Raum im Stadtbild von Lüdenscheid.
Mit den drei Säulen der Markenpositionierung ist Lüdenscheid auf einem guten Weg, zumal die durchgeführten Projekte durch die Kooperation mit professionellen Partnern ein ausgesprochen hohes Niveau erreichen. Dennoch gibt es an drei Punkten Handlungsbedarf: Zeitlich setzen die LichtRouten einen deutlichen Schwerpunkt der Aktivitäten. Die vor dem Hintergrund knapper Kassen immer länger werdenden Abstände zwischen den Events müssen durch weitere Aktivitäten gefüllt werden, damit das Thema Licht nicht aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwindet. Zweitens sind die Bürger außerhalb der Eventzeiträume noch zu wenig in die Aktivitäten eingebunden, das Markenbild der Stadt zielt also eher nach außen, als nach innen. Sinkende Budgets und geringe Aktivitätsdichte zeigt bereits erste Folgen. So haben die Stadtwerke ihr Engagement als Sponsor des Lichtkunstpreises Lux.us beendet. Drittens konzentrieren sich die meisten Aktivitäten räumlich weiterhin auf den Innenstadtbereich; Konzepte und Maßnahmen für die Außenbezirke der Stadt stehen also noch aus. Eine Lösung dieses Problems könnte das nächste große Lichtprojekt der Stadt Lüdenscheid bringen – der Masterplan. Dies in Kooperation mit Fachwissenschaftlern und Architektur- sowie Lichtplanungsbüros angelegte Projekt wird eine fundierte Analyse von städtebaulichen Strukturen, baulicher Gestaltung und sozialräumlicher Nutzung ebenso umfassen wie die Entwicklung von Stadtraumkonzepten und die Erarbeitung praxistauglicher Maßnahmenpakete für das gesamte Stadtgebiet. Ergänzt um ein Konzept der Bürgerbeteiligung bietet der Masterplan die Chance, den Weg zur „Stadt des Lichts“ wieder mit höherem Tempo zu beschreiten.
Heike Müller
Stadt Lüdenscheid/Amt für Stadtplanung




